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schlafwandler-träume?!


ihr "schlafwandler/innen",

als ich ein kleiner knabe war (wann war das eigentlich? – gestern erst?), da riegelten meine eltern die fenster zu, verknoteten meterweise strick um die fensterknebel, luchsten die ganze nacht ins kinderzimmer – ich bekam alle knoten und fenster auf, schritt wohlgemuth über die ziegeln zum flachdach von "cafe müller", wurde vom giebel geholt, vater riß mich aus dem offenen fenster im 4 stock (ganz leise natürlich, wobei sein herz wie ein hammer dröhnte).

zur kinderkur nach der ostsee geschickt, kletterte ich aus dem fenster, hangelte an der überhängenden dachtraufe hoch und spazierte offenen auges über das große flachdach der heilstätte

manchmal vermisse ich heute diese ausflüge, welche mir nur noch im traume oder im wachtraume gestattet sind, das hörte nach der kur, als ich 6 jahre ward, auf, nur noch in fiebrigen krankheitsträumen wurde mir das noch gestattet,

einen dieser träume schenke ich euch –
denn: "...was wissen wir schon?"
über uns und unser nächtliches leben?
garnyscht!
wir ahnen es nur!
wir verschweigen es schamhaft!

laßt die schlafwandler wandeln – stört sie nicht und ängstigt euch nicht!
es sind wunderschöne wandeleien,
vor allem bei
VOLLMOND

euer
ian-jonathan der weiße schatten im vollmond sehen kann





...und was wissen wir schon...?

Dem Gegenüber schauen wir ins Gesicht, auf den Körper. Wir schauen auf die reizenden oder auf- reizenden oder auf die reizlosen Stellen seines Körpers und glauben, ihn nach unserem Gusto eingeschätzt zu haben, auf daß er uns nütze oder auch nicht (Torquato Tasso: 'Vor Fremden nimmt man sich zusammen, da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck in ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen....').

Doch wann schauen wir hinter unser ICH und hinterfragen das, was wir ahnen und was wir wohlweislich immer unter, meist den fremden Teppich kehren? Und wenn Erinnerungen wiederkehren, reiben sich unsere Sinne am Wahrheitsgehalt, verdrängen Vieles oder doch Einiges und wir stehen fragend vor unserem Angesicht - Wer bist Du? Wer bin Ich? Bin ich von Dem bis Der oder bin ich nur Ich und nicht ein Vielfaches meiner Erlebnisse, geträumt oder in realiter erlebt: mit Mir mit Dir mit Ihm mit Ihr mit Uns und auch mit Wir? Vor allem aber mit dem Ich?

Was wissen wir schon?

Und so steht er, Mal um Mal wieder, vor einem der schönsten Arrangements deutscher Baukunst; steht unterhalb des Erfurter Domhügels. Heute mit wissenderem Geist. Hier ist mit Schwierigkeit eine Zusammenlegung dreier Kirchen gelungen, welche im Abstande von jeweils 100 Jahren zu einer großen Baumasse zusammenwuchsen. Nicht unbedingt würdig, in die Reihe der großen französischen Kathedralen oder der deutschen Dome aufgenommen zu werden. Dennoch: im Ensemble mit der nebenan liegenden Severi-Kirche nicht weniger imposant und beeindruckend als diese. Wunderbare Kulisse für Aufführungen der Theater. Carl Orffs "Carmina Burana" muß man dort gesehen haben oder nirgends! Und die vielen spektakuli in lauen Sommernächten!

Zwischen die Kirchen strebt in grandioser Aufwärtsbewegung eine breite Freitreppe himmelwärts, die den Besucher schreiten läßt in Stille und immer stärker werdender Andacht. Hinauf, hinauf, wie weit denn noch dort hinauf? Um ihn dann zu empfangen durch das Triangelportal des Domes, was seinesgleichen sucht auf der Welt.
Und beim vielleicht letzten Schritt dort auf der letzten Stufe hebt ein Klingen an, was aus dem Bauche zu kommen scheint, was voll den tiefen Ton der Sehnsucht von den Wolken herunterreißt auf das erhobene Haupt. Hinein über die Ohren in das Gemüth, um von dort aus eine Wanderung durch Körper und Geist anzutreten in rundem Schalle. – Die "GLORIOSA"!

Und es leuchtet an diesem ruhigen Sonntagmorgen die unglaublich schöne und geschlossene Bildfensterwand im hohen Kircheninnenraum dem Betrachter ein jahrhundertealtes, freudiges "Willkommen" entgegen. So, als hätte sie sich gerade auf ihn am heutigen Morgen gefreut! Und er tritt nach einkehrsamen Rundgang aus der Stille und der Kühle der Halle in den warmen Sommertag hinaus. Da hinaus, wo die Schwüle der Nacht sich in der Schwüle des Tages, dieses Sommertages wiederfindet. Wo ist Labe, wo Erquickung, wo die Kühle?
So steht er auf der 'Straße der Könige'. Auf einer der wichtigsten Straßen des Mittelalters, auf der 'via regia'. Vom Frankenreich kommend durchquerte sie Erfurt und verlor sich viel später und weiter in den östlichen Ländern Europas. Sie ist der schönste Weg durch Erfurts Altstadt: Dom - Marktstraße - Fischmarkt - Krämerbrücke - Wenigemarkt - und später die Futterstraße; und wenn man vom Turme der Kirche über der Krämerbrücke auf die Stadt blickt, dann erschaut das Auge viele Jahrhunderte unter sich und es erschließt sich das Leben und Fahren und das Handeln der Vorunsgeborenen.

Wo ist er mit seinen Gedanken wieder angekommen? Ja, was weiß er schon so Genaues von sich?

Stand er als Kind dort vor dem Dom oder stand er nicht?
War es ein Traum oder war es Realität?

Jedenfalls dünkte ihm schon immer, daß
... er eines tages an der hand seines großvaters vor diesem ungeheuer großen, ungeheuer imposanten bauwerk steht, mit ihm die treppen mit den ach so vielen und ach so hohen stufen hinauf geht und auch später wieder hinunter, staunend mit seinen großen kinderaugen, die noch gar nicht alles fassen können von der großen weiten welt, er hält die hand, die ihm halt anbietet in der größe und weite, in der sich viele in ihrem weiteren leben schon verlaufen haben, so weit verlaufen, daß sie oftmals den weg nicht wieder fanden oder sich selbst nicht wiederfinden konnten an den gestaden der zeit und heute noch suchen und suchen und suchen, oftmals nur noch suchen nach der hand, einer hand, welche sie halten, wenigstens halten kann, im sturme des lebens, und er löst sich von der hand des großvaters, trippelt neugierig, gierig auf das Neue, auf die mauer des wolkenwärts ragenden domes zu und er streichelt den stein, (Ihr wißt schon, Ihr Leser früherer Zeilen, Steine sind voll eigenen Lebens, und sie faszinieren durch ihre Form und durch das, was sie in ihrem Inneren angelegt haben, so man es findet und herausfindet.) und wie er an den stein sich lehnt, findet er einen kleinen rostigen nagel, der aus einer fuge spitzt, und weil dieser ihn stört, weil er so gar nicht in das ensemble passt, rüttelt der bub und rüttelt und zerrt, bis dieser nagel sich löst und aus dem loche sich ziehen läßt – fast ohne gewalt – so als hätte er gewartet, jahrhundertelang darauf gewartet, daß ihn diese kleine hand herauszöge und aus dem loche rieselt feiner sand, aus dem loche rieselt immer weiter der feine, klare sand, rieselt wie aus der eieruhr, die er in mutters küche heimlich entwendet und aufgeschlagen hatte, um zu sehen, was denn eigentlich die zeit sei, sie war nur sand, rieselnder sand, und sein kleiner finger stöpselt sich in das kleine loch, um ihn aufzuhalten, um die rinnende flut aufzuhalten, die zeit anzuhalten, denn das war es mittlerweile geworden – ein rinnendes zeitfaß, das auszulaufen begann, der großvater steht in der nähe des obelisken, weit, weit von ihm, büblein ruft mit greinender stimme über den platz, niemand hört ihn, er zieht den finger aus dem loch und wieder rinnt die zeit im sandstrahle unter seinen händen fort um ein kleines häuflein zwischen seinen füßen zu bilden, immer höher ansteigend, immer stärker ausquellend, unaufhaltsam, und mit dem sande lösen sich die ersten steine, raunen, rollen und rumpeln, erst ganz leis und zart, dann stärker anschwellend, so, wie der sand stärker zu rinnen beginnt, zwischen den aufhaltenden händen hindurchströmt, über die finger rauscht, sich türmt zu berge, die füße überflutet, ihn stehen läßt in wassern von sand und nach und nach und nach fällt ein stein nach dem anderen an ihm vorbei, unaufhaltsam, unaufhaltsam fallend, und das wunderbare bauwerk bricht in grausamer langsamkeit mit lautlosem getöse um ihn herunter...

Und das Erschreckendste an diesem quälenden Schauspiel ist, daß es niemanden auf dem großen Platze berührt, angerührt zu haben scheint. Stille ward um ihn herum und kein groß' Geschrei. Es ist die Normalität, die eintritt. Fasziniert schaut er dem Ganzen zu, ohnmächtig, ohne Macht auf das, gegenüber dem Geschehen.
Und er wartet auf Schelte und Ärger und Verdruß über alle Maßen. Und all das Erwartete tritt nicht ein. Nur tief in sich fühlt er den Auftrag, dieses Bauwerk wieder im Laufe e i n e s Tages aufrichten zu müssen, mit seiner kleinen Hände Vermögen an einem Tage wieder aufrichten zu müssen – und hieran nun ist sein kindliches Bewußtsein schier zerbrochen!

Heute, nach Jahrzehnten, ist noch immer keine Sicherheit, ob er nicht doch Wahrheit gewesen, dieser Fiebertraum, während dem die Mutter dem Jungen die kalten Wadenwickel machte in einer VOLLMONDNACHT und ihm leise Lieder sang zur Beruhigung und ihn in ihren Armen wiegte und wiegte, auf daß er sich endlich wiederfände, sich endlich wieder einfände in dieser Welt.
Manchesmal scheint es ihm heute immer noch so, daß, gleich, ob man den größten oder nur einen kleinen Nagel aus einem Geschehen herausreißt, sich eigentlich niemand daran stört und daß das Zerbrechen dieses Domes, das Auseinanderfallen dieses Gebäudes nichts weiter ist als eine Allegorie, die nichts Billigeres ausdrückt als den Lauf unseres eigenen Lebens. Daß man den Sand der Zeit nicht kann aufhalten, wenn man auch noch so flink die Finger hie und da in Lücken stopft und ruft und ruft und ruft und ruft –

aber wer hört da noch hin?

Ja! Was wissen wir schon so genau von uns selbst, über uns selbst?
Manchmal ist eben alles nur ein Traum!
Ein wüster Traum in einer VOLLLMONDNACHT.
Oder doch nicht?.




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