Shakespeare und der Vollmond

Wir dachten, es wäre naheliegend, bei Englands berühmtestem Dichter William Skakespeare (1564–1616) nach dem Vollmond zu suchen. Erstaunlicherweise findet sich des Öfteren der »Mond«, das Wort »Vollmond« kommt in den Originaltexten allerdings nur einmal vor, nämlich in »König Lear«.

In der Komödie »Ein Mittsommernachtstraum« (ca. 1595) kommt der Mond im Text ganze 52-mal zum Vorschein (allein im letzten Akt 28-mal) und man kann davon ausgehen, dass Shakespeare den Vollmond im Sinn hatte, als er diese Verse schrieb. Allerdings wird er nicht als »Vollmond« beschrieben.

EIN MITTSOMMERNACHTSTRAUM
5. Akt, 1. Szene

Pyramus:
»Sweet Moon, I thank thee for thy sunny beams;
I thank thee, Moon, for shining now so bright;
For, by thy gracious, golden, glittering gleams,
I trust to take of truest Thisby sight.«

(»Ich dank dir, süßer Mond, für deine Sonnenstrahlen,
Die also hell und schön den Erdenball bemalen;
Dieweil bei deinem Gold und funkelnd süßem Licht
Zu kosten ich verhoff mein’r Thisben Angesicht.«)

Fündig wird man dann wie erwähnt in der Tragödie »König Lear« (ca. 1605), wobei hier die deutsche Übersetzung unverständlicher Weise den Vollmond eliminiert hat. Im englischen Originaltext ist er enthalten.

KÖNIG LEAR
4. Akt, 6. Szene

Edgar:
»As I stood here below, methought his eyes
Were two full moons; he had a thousand noses,
Horns whelk’d and waved like the enridged sea:
It was some fiend; therefore, thou happy father,
Think that the clearest gods, who make them honours
Of men’s impossibilities, have preserved thee.«

(»Hier unten schienen seine Augen mir
Zwei Monde; tausend Nasen hatt’ er. Hörner
Gekrümmt wie Wellen des gefurchten Meeres:
Ein Teufel wars. Drum denk, beglückter Alter,
Daß höchste Götter, die zum Ruhm vollführen,
Was uns unmöglich scheint, dich retteten.«)

In »Othello« (ca. 1603) wird der »Vollmond« nur in der modernen englischen Textfassung so benannt. Der deutsche Übersetzer scheint sich hier an den englischen Originaltext gehalten gehabt zu haben, wo nur vom »Mond« die Rede ist.

OTHELLO
5. Akt, 2. Szene

Emilia:
»Oh, my lord, terrible murders have been committed over there!«

Othello:
»What? Just now?«

Emilia:
»Yes, just now, my lord.«

Othello:
»It’s because of the full moon. It comes too close to the earth and drives men crazy.«

(»Das hat wahrhaftig nur der Mond verschuldet; Er kommt der Erde näher, als er pflegt, und macht die Menschen rasend.«)

In »Macbeth« (ca. 1606) wird schließlich noch eine Mondfinsternis erwähnt, die, wie wir wissen, nur bei Vollmond stattfinden kann. Wahrscheinlich handelt es sich aber nur um eine metaphorische und nicht um eine astronomische Beschreibung, wenn eine der Hexen in ihrem Zauberspruch sagt:

MACBETH
4. Akt, 1. Szene

Third witch:
»[…] Gall of goat, and slips of yew
Silver’d in the moon’s eclipse,
Nose of Turk and Tartar’s lips […]«

(»[…] Türkennas’ und Tartarzunge;
Eibenreis, vom Stamm gerissen
In des Mondes Finsternissen […]«)

Es bleibt also bei »ein Mal Vollmond bei Shakespeare«, trotz der vielen Monde im umfangreichen Werk und trotz der Tatsache, dass für einen Dichter aus vergangenen Tagen nichts näher gelegen haben muss, als das Vollmondlicht, wenn es um die Beschreibung nächtlicher Szenerien ging. Vielleicht ist es aber auch so, dass der Vollmond damals so selbstverständlich war, dass es gar nicht der besonderen Erwähnung bedurfte, dass der Mond voll war. Wer weiß …

Foto »König Lear«: University of Minnesota

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